Prostitution: Geht der Trend wieder weg vom Kondom?

„Jetzt neu, ohne Kondom“ titelt Saunaclubs-4you.de und schreibt:

Der Geschlechtsverkehr ohne Kondom scheint salonfähig zu werden. In den letzten Jahren bestand immer ein kleiner Markt, indem sich Mädchen für Sexdienstleistungen anboten und das komplett ohne Kondom. Dieser Markt hatte jedoch immer nur als Nische bestand und war daher übersichtlich. Durch den zunehmenden Konkurrenzdruck sind nun aber einige Hostessen im Saunaclub und Escort dazu übergegangen, ihre Dienste ebenfalls vollständig ohne Kondom anzubieten. Und das ohne Aufpreis. Damit erfolgt unter Umständen ein weiterer hoher Druck auf alle Girls, die ihr Geschäft verantwortungsvoll anbieten und auch die Kunden zu diesem Denken hinleiten.

Hier und in ähnlichen Konstellationen (denn das, was hier für Heteros berichtet wird, gilt mit Sicherheit auch in der Gay- und Underground-Szene) scheint mir eher ein möglicher Grund für einen Anstieg der HIV-Infektionen zu liegen – und weniger in der „erfolglosen“ Anti-AIDS-Kampagne der BzgA.

Der Gedanke mit einer Frau ohne Kondom zu schlafen, ist sicherlich verständlich und für jeden Mann nachvollziehbar.
Doch der Sex mit einer Prostituierten im Saunaclub ohne Kondom ist grob fahrlässig. Übrigens so fahrlässig, dass auch die Krankenkasse später bei Bekanntwerden Behandlungskosten verweigern kann.

Und die Behandlung von Tripper oder AIDS aus eigener Tasche bezahlen zu müssen, ist hart. Aber zur Entspannung kann man sich ja den neuesten Hollywood-Erziehungs-Porno anschauen. Mit Kondom, natürlich.

Gefährlich: Ignorante Besserwisser im Richteramt

Dass Kondome vor Ansteckungen schützen (wenn man sie richtig verwendet), weiß doch eigentlich heutzutage auch in Österreich jeder. Es hat sich ja sogar schon bis zum dortigen Obersten Gerichtshof herumgesprochen, dass man auch mit AIDS straffrei Sex haben kann, wenn man sich entsprechend schützt – und das war bereits 1997.
Nun hat es in Kärnten (einem bekanntermaßen recht konservativem Eckchen unseres schönen Nachbarlandes) einen 17jährigen erwischt – „es“ ist das Gesetz in Gestalt von Richter Dr. Othmar Kraft, der dem HIV-positiven jungen Mann drei Monate auf Bewährung aufgebrummt hat, weil er ungeschützten Oralverkehr mit seiner Freundin hatte.

„Ich dachte, wenn sie keine größere Wunde im Mund hat, kann nichts passieren“, sagte er dem Richter.
Das entspricht im Wesentlichen auch den derzeitigen Safer-Sex-Regeln der österreichischen Aidshilfen. Diese sehen bei Oralsex nur vor, dass man nicht in den Mund ejakulieren soll.

So meldete GGG.at vorgestern. Der Hammer ist jedoch:

Doch auch mit der Verwendung eines Kondoms hätte der 17-Jährige das Gericht in Feldkirch nicht straffrei verlassen: „Auch wenn ein Kondom verwendet worden wäre, würde dies nichts an der Strafbarkeit ändern“, erklärte Richter Othmar Kraft. Ein Ansteckungsrisiko bestehe nämlich auch bei Verwendung von Präservativen, so der Richter.

Einen Tusch für den weisen Richter! Und ab mit ihm ins Mittelalter…

Freut Euch doch!

Es gibt doch eigentlich keine bessere Werbebotschaft für die Benutzung von Kondomen, als wenn einer irgendwie bekannten Perönlichkeit in aller Öffentlichkeit ein Kondom aus der Tasche purzelt. Hurra, möchte man rufen, da ist jemand, der damit also nicht nur bekennt, Sex zu haben (worüber man insbesondere in den prüden USA, wo – wenn man den von der Zensur noch durchgelassenen Bildern glauben darf – die Menschen ja schon gar keine Geschlechtsteile mehr besitzen, sehr erstaunt sein dürfte), sondern auch, Kondome dabei zu benutzen und dies für so normal zu halten, dass man gar nicht mehr auf die Idee kommt, vor einem öffentlichen Auftritt seine Hosentaschen von selbigen zu befreien.
Aber nein: eine Welle des Entsetzens beginnt in den USA und kommt hierher über den großen Teich geschwappt, wo sie immerhin noch als Welle der Borniertheit an die Küste schwappt. Wie kann man nur! Schlagzeilen über Schlagzeilen, ein Boulevardblatt kreischt lauter als das andere: Dingsbums (ich hab‘ den Namen schon vergessen; war – glaube ich – auch niemand wichtiges) ist ein Kondom aus der Tasche gefallen!
Ich hätte da mal ein paar andere Schlagzeilen für Euch „Journalisten“:
Skandal: B-Promi zieht Taschentusch aus Hosentasche!
C-Promi im Supermarkt beim Klopapierkauf gefilmt!
Verdächtige Hosenfalte: D-Promi hat vermutlich noch Geschlechtsteil
Ungezogen: Zahnstocher in Jackentasche gefunden!

Zu blöd, ein Kondom zu benutzen? Darf doch wohl nicht wahr sein.

Vielleicht sehe ich das alles zu verbissen. Für mich sind Kondome etwas alltägliches; über ihre Benutzung denke ich im Allgemeinen genau so wenig nach wie darüber, wie man das Toilettenpapier falten muss, um einen sauberen Hintern zu kriegen. Dabei gehe ich eigentlich so mehr oder weniger davon aus, dass jeder – bis auf ein paar Hinterwäldler, vielleicht – das eine genau so gut beherrscht wie das andere.
Dem ist offensichtlich nicht so.
WebMD meldete auf seiner Plattform medicineNet unter Berufung auf eine kürzlich veröffentlichte Studie der Indiana University (erschienen in einer Sonderausgabe von Sexual Health), in der 50 verschiedene Studien aus 14 Ländern zum Thema Kondomgebrauch ausgewertet werden, dass die übergroße Mehrzahl der Probleme durch Anwenderfehler entsteht:

Researchers say it’s probable that breakage and slippage often occur as a result of incorrect condom use. For example, one study showed the more condom use errors a person reported, the greater the odds of breakage, slippage, or both.
The most commonly reported condom use errors were:

  • Not using condoms throughout sexual intercourse
  • Not leaving space at the tip
  • Not squeezing air from the tip
  • Putting the condom on inside out
  • Not using only water-based lubricants
  • Incorrect withdrawal

Researchers point to a need for better education and instruction regarding how to use a condom.

Für des Englischen Kundige: Hier ist die erwähnte Studie als Abstract und hier als Volltext (PDF).. Schaut Euch mal die Zahlen in den Tabellen an: Teilweise bis über 50% der Teilnehmer geben zu, das Kondom erst zu spät übergezogen zu haben…

Bebilderte Anleitung

Heute möchte ich einmal wieder auf die unermüdliche Arbeit der vielen Freiwilligen aus der AIDS-Hilfe hinweisen. In vielen Städten gibt es örtliche AIDS-Hilfe-Vereine, die – oftmals unbemerkt von der lokalen Presse – einen wichtigen Anteil an den Aufklärungs- und Präventionsbemühungen haben. Heute bin ich beispielsweise mal auf der Website der AIDS-Hilfe Ulm gewesen und habe mir dort die von Jugendlichen für Jugendliche erstellte bebilderte Anleitung zur Benutzung eines Kondoms angeschaut, die ich Euch als gut und klar empfehlen möchte.
Also: Herzliche Grüße nach Ulm, und weiter so!

BYMs „Gummi-Knigge“

Gerade gefunden: Das Kondom: Der Knigge fürs Gummi auf dem Onlineportal der „Brigitte Young Miss“, kurz: BYM. Hervorhebenswert:

Bitte auch keine Entschuldigungen à la „Ich weiß, Du hast eine Latex-Allergie und verträgst Kondome nicht, aber die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sagt, dass man sie nehmen soll und das tut mir so leid für Dich, dass ich so doof bin und denen glaube“. Er will mit Dir schlafen – also schläft er auch mit einem Kondom.

Im ganzen sehr frech geschrieben und durchaus lesenswert. Nachteil: die nervigen Popups und die dumme Angewohnheit von Onlinejournalisten, einen an und für sich kurzen Text (der auf eine einzige Seite A4 bzw. eine Bildschirmseite bequem draufpassen würde) in sage und schreibe fünf Teile zu unterteilen, zu denen man sich dann jeweils durchklicken muss – nur, damit man auch garantiert mit reichlich Werbung eingedeckt wird. Man kann es auch übertreiben, liebe BYMler.