Nicht so hastig, Jungs.

Gaaanz überraschend hat die Wissenschaft (endlich!) herausgefunden, dass es grundsätzlich besser ist, sich gerade bei wichtigen Dingen (wie dem Überziehen eines Kondoms) ausreichend Zeit zu lassen, um Fehler (und daraus resultierende spätere Probleme, Kevins, etc.) zu vermeiden.

This event-level analysis suggests that women and men who perceive that condom application was rushed are more likely to experience errors/problems during the sexual event that substantially compromise the protective value of condoms against disease and pregnancy. Educational efforts emphasising the need to allow ample time for condom application may benefit this population. (Sex Transm Infect. 2015 Jun;91(4):275-7. doi: 10.1136/sextrans-2013-051491. Epub 2014 Nov 12.)

Nun ja.
Wirklich überraschend ist das nun nicht. Und neu eigentlich auch nicht, wenn man sich das Datum der Veröffentlichung anschaut. Aber irgendjemand brauchte wohl einen Lückenfüller, und so wurde es eben eine „aktuelle Studie“ – und wie das so ist, wird diese „aktuelle Studie“ nun überall wiedergekäut, als wenn sie irgend etwas neues bringen würde. Nein – tut sie nicht. Sie untermauert halt nur eine alte Binsenweisheit – die dadurch natürlich aber nicht weniger wichtiger ist. Also: Lasst Euch Zeit. Nicht nur beim Überziehen 🙂

Social Sex

Daumen runterWillkommen in der Welt der Wissenschaft (oder so). „Der Kondom-Hersteller Durex gibt überraschende Studien-Ergebnisse bekannt: Demnach überprüfen gut fünf Prozent der Smartphone-User während des Liebesspiels Facebook, zwölf Prozent telefonieren“, meldete gestern der FOCUS und bot damit wiedermal ein typisches Beispiel für den investigativen Journalismus, den dieses Blättle auszeichnet.
Ungeachtet der Tatsachen, dass Durex kein Kondom-Hersteller ist (Durex ist eine Marke, Hersteller wäre Reckitt-Benckiser als Markeneigentümer) und das Ganze natürlich auch keine Studie (und mal ganz außen vor gelassen, dass der Einzige, der Facebook „überprüfen“ könnte, der Bundesdatenschutzbeauftragte wäre), und wird zumindest mal eine Quelle für diese (schlampig übersetzte) Meldung angegeben – nämlich CNET, wo die Studie schon zu einer Umfrage geschrumpft ist und als Quelle lediglich auf eine Pressemeldung von Durex verwiesen wird, die (wörtlich!) in mehr als 40 „Nachrichten“-Portalen wiedergekäut wird (Stand gestern abend; heute werden es noch mehr sein).
Weder bei Durex selbst noch beim benannten Umfragedurchführer OnePoll finden sich jedoch Hinweise auf diese Umfrage, so dass wir weder wissen, wieviele Leute befragt wurden noch wann das Ganze stattfand. Hmnja. Mehr als

A recent poll for Durex (OnePoll) on the UK’s sex life revealed shocking statistics including 12% of people had answered a phone during sex, one in ten had read a text and over 5% of respondents had even checked Facebook while making love.

ist nirgendwo zu finden.
Was sagt uns das also? Wiedermal eine typische Luftnummer; billige Effekthascherei. Offenbar wird bei Durex das Geld für richtiges Marketing langsam knapp…

Kondome schützen auch gegen HPV

Was viele nicht wissen: Kondome schützen (bei richtiger Anwendung, natürlich) nicht nur vor den „üblichen“ Geschlechtskrankheiten sowie der Ansteckung mit HIV („AIDS“), sondern beispielsweise auch vor der Übertragung humaner Papillomaviren (kurz: HPV), die für bösartige Gewebeveränderungen verantwortlch gemacht werden, die zu Gebärmutterhalskrebs (Zervixkarzinom) sowie Scheiden-, Penis- und Anal-Karzinomen sowie (bei oraler Übertragung) auch zu Mundtumoren führen können.
Eine von Forschern der Texas State University mit 411 Studenten durchgeführte kleine Studie bestätigte nun, dass dieses Wissen noch nicht weit genug verbreitet ist – und daher einerseits Schutzmaßnahmen, wie zum Beispiel der Gebrauch eines Kondoms, vernachlässigt werden; andererseits sind wiederum viele der Meinung, dass der Gebrauch eines Kondoms alleine vollkommen ausreichend sei, um sich vor jedweder Ansteckung zu schützen:

Only 15.5 percent of college students know that condoms don’t fully protect a person from contacting the human papillomavirus, and this lack of knowledge can lead students to a false sense of security in their sexual practices. (…) Study results show that most students know HPV is associated with cervical cancer, but fewer than 50 percent of students know that the virus also is associated with oropharyngeal, anal and penile cancers. According to the authors, „The lack of knowledge about other cancers associated with HPV is important, because those cancers are preventable with education, the use of vaccines and safer sexual practices. Without proper education, students may only be aware of the most commonly discussed correlation – that HPV is associated with cervical cancer – and may be unaware of the other dangers the virus possesses.“

zitiert Marketwatch eine entsprechende Pressemitteilung via PR Newswire. Die Zahlen sehen für Deutschland mit Sicheheit nicht viel besser aus, vermute ich, auch wenn ich momentan keine harten Daten dafür vorliegen habe.

Facebook als Verhütungsmittel?

Im American Journal of Preventive Medicine erscheint in der Ausgabe November 2012, Vol. 43, No. 5 ein Aufsatz, der sich unter dem Titel Social Media–Delivered Sexual Health Intervention mit der Frage beschäftigt, ob Jugendliche, die täglich mit Verhütungsbotschaften, Kondomwerbung usw. per Facebook zugetextet werden, häufiger Kondome benutzen als Jugendliche, die nicht ständig daran erinnert werden. Das Resultat:

Soziale Netzwerke können beim Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten helfen. (…) Die Gruppe, die regelmäßig Aufklärungsartikel zugeschickt bekam, verwendete anschließend häufiger Kondome als die andere Gruppe. (Spickmich.de)

Im Abstract des Artikels liest sich das allerdings so:

A total of 1578 participants enrolled, with 14% Latino and 35% African-American; 75% of participants completed at least one study follow-up. Time by treatment effects were observed at 2 months for condom use (intervention 68% vs control 56%, p0.04) and proportion of sex acts protected by condoms (intervention 63% vs control 57%, p0.03) where intervention participation reduced the tendency for condom use to decrease over time. No effects were seen at 6 months.
Conclusions: Social networking sites may be venues for effıcacious health education interventions. More work is needed to understand what elements of social media are compelling, how network membership influences effects, and whether linking social media to clinical and social services can be benefıcial.

Ich denke mal, die meisten Teilnehmer reagierten nach einer gewissen Zeit ziemlich genervt 🙂 so dass der gut gemeinte Sinn der Aktion wahrscheinlich eher verpufft, als dass er Wirkung zeigt.

Zu blöd, ein Kondom zu benutzen? Darf doch wohl nicht wahr sein.

Vielleicht sehe ich das alles zu verbissen. Für mich sind Kondome etwas alltägliches; über ihre Benutzung denke ich im Allgemeinen genau so wenig nach wie darüber, wie man das Toilettenpapier falten muss, um einen sauberen Hintern zu kriegen. Dabei gehe ich eigentlich so mehr oder weniger davon aus, dass jeder – bis auf ein paar Hinterwäldler, vielleicht – das eine genau so gut beherrscht wie das andere.
Dem ist offensichtlich nicht so.
WebMD meldete auf seiner Plattform medicineNet unter Berufung auf eine kürzlich veröffentlichte Studie der Indiana University (erschienen in einer Sonderausgabe von Sexual Health), in der 50 verschiedene Studien aus 14 Ländern zum Thema Kondomgebrauch ausgewertet werden, dass die übergroße Mehrzahl der Probleme durch Anwenderfehler entsteht:

Researchers say it’s probable that breakage and slippage often occur as a result of incorrect condom use. For example, one study showed the more condom use errors a person reported, the greater the odds of breakage, slippage, or both.
The most commonly reported condom use errors were:

  • Not using condoms throughout sexual intercourse
  • Not leaving space at the tip
  • Not squeezing air from the tip
  • Putting the condom on inside out
  • Not using only water-based lubricants
  • Incorrect withdrawal

Researchers point to a need for better education and instruction regarding how to use a condom.

Für des Englischen Kundige: Hier ist die erwähnte Studie als Abstract und hier als Volltext (PDF).. Schaut Euch mal die Zahlen in den Tabellen an: Teilweise bis über 50% der Teilnehmer geben zu, das Kondom erst zu spät übergezogen zu haben…

Studie, die zweite: Und die Schweden?

Es ist Studien-Zeit in Europa, wie es scheint. Aus dem Schwedenforum erfuhr ich heute, dass (laut Radio Schweden) auch junge Schweden nicht unbedingt Kondomfreunde sind:

SchwedenDas Kondom spielt im Sexualleben junger Schweden eine sehr geringe Rolle. Dies belegt die bisher größte schwedische Studie zu den Sex-Gewohnheiten junger Menschen. Nur drei von zehn der Befragten nutzten demnach bei ihrem letzten sexuellen Kontakt ein Kondom. Dessen Schutzfunktion wird also grob unterschätzt – mit teils schwerwiegenden Folgen.
Insgesamt 15.000 junge Menschen zwischen 15 und 29 Jahren haben die Wissenschaftler im Rahmen der Studie befragt. Unter Federführung des Instituts für Seuchenschutz geht es dem Forscherteam vor allem um wirksame Strategien zur Vorbeugung sexuell übertragbarer Krankheiten wie auch unerwünschter Schwangerschaften. (…) 60 Prozent der Befragten gaben an, auf ein Kondom zu verzichten, da die Frau ja bereits mit Pille oder Spirale „vorgesorgt“ habe.

Für alle Schweden, die sich jetzt schämen und doch mal ein Kondom probieren wollen: beim schwedischen Kondomkönig gibts eine (für schwedische Verhältnisse) reichhaltige Auswahl.

Mach’s mit… Gestank. Hä?

Fäkaliengeruch mahnt Menschen zur Vorsicht beim Sex. Gestank erinnere daran, Krankheitskeime zu vermeiden.

So, meint SPIEGEL Online, erklären Wissenschaftler einen neuen Befund, der in Psychological Science veröffentlicht wurde.
Nun ja, man kann sicherlich alle möglichen Dinge mit solchen schrägen Studien belegen – ob das Ganze eine praktische Relevanz für den tatsächlich ausgeübten Geschlechtsverkehr hat, sei jedoch dahingestellt. Meiner (zweifellos unmaßgeblichen und subjektiven) Erfahrung nach vergeht einem bei Fäkaliengeruch die Lust am Sex so ziemlich gänzlich. Die Frage „Mit Kondom oder ohne?“ stellt sich dann in der Regel überhaupt nicht mehr.
Also, liebe Wissenschaftler: Untersucht doch mal die Rolle von Gestank als Verhütungsmittel! Ich bin sicher, ich weiß schon, was dabei rauskommt…