Fast wieder hip(ster), diese Werbung

Zur Verhütung gibt es natürlich auch Kondome. Die wohl traditionsreichsten deutschen Kondommarken sind Fromms und Blausiegel. Und deren Werbefachleute wussten wirklich, wie man in den 80er Jahren die Jugend ansprechen kann…
Wir müssen unbedingt hipp und flott wirken! Holt sofort den Chefbuchhalter vor die Kamera!“

Knallhart, lieber Klopfer.
So mögen wir das. Und der Kerl ist auch bald wieder modern, zumindest trägt er ja schon eine trendige Hipsterbrille.
Fromms und Blausiegel gibts natürlich auch noch 🙂 wenngleich nicht mehr eigenständig, sondern nur noch als Marken der MAPA („Billy Boy“) und mit eingeschränktem Sortiment.

(Werbeanzeige aus einer BRAVO, Mitte der 80er Jahre, wer’s noch nicht erraten hat; Quelle siehe oben)

Ja und?

werbekondomeManchmal weiß ich nicht, ob ich mich ärgern oder nur den Kopf schütteln soll… Ständig flattern hier „News“ rein, in denen (entweder im Täterätätä-Modus oder im Wie-kann-man-nur-Ton) irgendeine Agentur es für meldens- und berichtenswert handelt, dass diese oder jene Einrichtung, Firma, Frickelbude oder Partei plötzlich und unerwartet und hastenichtgesehen mit Kondomen wirbst. Mit Kondomen! Wirbt! Horrorschocker zur Mittagszeit oder Anwärter auf den nächsten Innovationspreis, mindestens.
Echt jetzt. Wenn das der Stoff ist, aus dem heutzutage Nachrichten gemacht werden, dann gute Nacht, Marie.
(Und nein, von mir gibts noch keine Werbekondome. Sonst hätte das bestimmt schon im SPIEGEL gestanden.)
(Fotomontage unter Verwendung eines Fotos von © Diana Taliun – Fotolia.com)

Recht schreib Prüfung, Es gibt Sie!

Yohoho, und ne Buddel voll Rum. Diesmal für den Legastheniker, der glaubt, mit so einer schnell aus plagiierten Texten zusammengestrickten Seite könne man über Amazon-Affliate-Links kistenweise Geld scheffeln. Hat er bestimmt irgendwo gelesen. Falls er lesen kann. Schreiben kann er jedenfalls nicht; bis auf die irgendwo rauskopierten Sätze ist eigentlich kein einziger dabei, der auch nur irgendwie korrekt ist:
Screenshot: allergiefreie-allergiker.de/latexfreie-kondome/ vom 21.9.2014
Groß oder klein? Komma oder nicht? Männlich, weiblich, egal? Wir würfeln mal. Es gibt dazu übrigens auch eine Info im Impressum der Seite: „Die Inhalte dieser Website werden mit größtmöglicher Sorgfalt erstellt. […] Die Nutzung der Inhalte der Website erfolgt auf eigene Gefahr des Nutzers.“
Har, har. Und die „Rechtschreib-Allergie“, unter der er wohl selbst leidet, hat er nicht mit in seiner „Allergien Liste“. Aber was nicht ist, kann ja noch werden: „Diese Liste wird von uns im laufe der Zeit erweitert, wer noch Allergien kennt die hier fehlen kann diese einfach als Kommentar hinterlassen. Wir werden diese dann im lauf der zeit nachpflegen.“
Aber zumindest hat der Beitrag mich in einer Hinsicht beruhigt: Es gibt mich. Und ich habe den Text gelesen, ohne Schaden davonzutragen. Zum Glück ist meine Rechtschreiballergikerallergie relativ symptomarm.
Ach so, fast vergessen: das kommt alles von hier. Müsst ihr aber nicht hinklicken. Alles, was orthografisch korrekt ist, ist irgendwoher kopiert (der Abschnitt „Was ist ein Kondom Überhaupt“ kommt beispielsweise 1:1 direkt von pharmawiki.ch, in korrekter Rechtschreibung [allerdings so, wie sie in der Schweiz üblich ist, also komplett ohne „ß“] und natürlich ohne Quellenangabe), der Rest tut einfach nur in den Augen weh.

(Update, 23.9.: Der von Pharmawiki geklaute Content wurde mittlerweile durch Text aus der Wikipedia ersetzt. Wie originell.)

Für’s Klo?

klommunikation

(Quelle: Persoenlich.com – Das Online-Portal der Schweizer Kommunikationswirtschaft, Screenshot vom 18.6.2014, 15:25 Uhr)

Kondome erst ab 18? Aaargh.

Heute habe ich zum …zigtausendsten Mal auf einer der Websites, die als „Ratgeber zum Thema Kondome“ daherkommen (nein, ich verlinke das hier nicht. Geht doch selbst mal googeln), die „Information“ gelesen:

Kondome können über das Internet erst ab einem Alter von 18 Jahren bestellt werden.

Ich weiß nicht, wo diese „Experten“ ihr Wissen immer her haben. Vielleicht war es ja mal in grauer Vorzeit so, dass Kondome nur an Erwachsene verkauft werden durften (da wird es allerdings noch kein Internet gegeben haben), aber heutzutage sind Kondome hierzulande frei verkäuflich.

Es gibt keine Altersbeschränkungen beim Kondomkauf.

Verstanden? KEINE.
Zweifellos gibt es furchteinflößende Kassiererinnen im Supermarkt („Na, mein Kleiner…!??“), und zweifellos gibt es auch, sagen wir mal, spezialisierte Ladengeschäfte, in die man als Jugendlicher nicht reinkommt, auch wenn man, ähem, nur Kondome kaufen möchte – aber all das ändert nichts daran, dass Kondome ohne Alterbeschränkung oder Altersnachweis verkauft werden dürfen.

Die Tatsache, dass man in der Apotheke Bonbons kaufen kann, bedeutet ja auch nicht, dass man dafür ein Rezept braucht.

Liebe Leser: Wenn Ihr also so etwas wie „Kondome gibts erst ab 18“ auf einer „Ratgeberseite“ lest, lasst die Finger davon. Wer schon von den Grundlagen keine Ahnung hat… wird so eine Seite wahrscheinlich nur betreiben, um suchmaschinenoptimierungsirregeführte Nutzer über ein Affiliate-Programm dieser oder jener Art auf Kaufseiten zu locken und daran Provision zu verdienen. Das ist, wohlgemerkt, an sich nichts Schlechtes – wenn denn die „Informationen“ wenigstens den Klick wert sind.
Denn wenn ich dann neben dem P18-Gedöns auch noch Ausdrücke wie „CE-Prüfzeichen“ lese (dazu hatte ich hier ausführlich geschrieben) oder „handelsübliche Kondome sind aus Latex gefertigt“ (ja, nee, latexfreie Kondome sind ja absolut nicht handelsüblich, oder was?), dann ist bei mir Schluss mit lustig. Dass die Quellen für die Infos (egal welcher Art) nicht genannt werden, gehört ja – Urheberrechtsdebatte hin oder her – bei diesen Zubringerseiten schon zum „guten Ton“… schließlich soll es ja als eigene „Ratgeber“-Seite rüberkommen (Kleiner Tipp an die Macher: Es ist sehr auffällig, wenn sich einzelne Absätze stilistisch sehr unterscheiden, und wenn die zum Zusammenpfriemeln selbst geschriebenen Texte dann auch noch jede Menge Schreib- und Tippfehler enthalten, die in den kopierten Abschnitten nicht vorkommen…). So.

Kondomwerbung fördert Kondomnutzung … nicht.

Eigentlich sollten wir es schon seit Jahren wissen… aber solche Erkenntnisse gehören nun mal zu denen, die weniger gerne erwähnt werden, denn in der Werbung gibt es – auch und gerade für Kondome – immer noch genug zu verdienen. Quick & Stephenson haben in einem Aufsatz für Communication Research jedoch bereits 2007 belegt, dass Werbung für die Benutzung von Kondomen deutliche Reaktanz hervorruft – d.h. viele der druch die Werbung explizit angesprochenen Personen verwenden Kondome „nun gerade“ nicht.

The authors tested the conceptual coherence of this construct by examining its association with threat-to-choice perceptions and ad persuasiveness of condom ads. Across seven condom television ads, the authors found evidence in support of treating reactance as a latent variable comprised of negative cognitions and state anger.

Quick, Brian L. & Stephenson, Michael T. (2007). Further Evidence That Psychological Reactance Can be Modeled as a Combination of Anger and Negative Cognitions. Communication Research 34(3): 255-276. (Mit Dank an ScienceFiles, durch deren Artikel über Reaktanz ich mich wieder daran erinnerte, damals diesen Aufsatz gelesen zu haben. Leider habe ich ihn nicht mehr… falls mir also jemand was Gutes tun will, könnte er mir das als PDF schicken. Danke!)

Leiht mir doch mal die Flühüüüügel

In den letzten Tagen haben niederländischen Kollegen von Wingman mal wieder für ein Rascheln im virtuellen Blätterwald gesorgt; offenbar bombardiert ihre PR-Abteilung gnadenlos alle Presseportale und Nachrichtenagenturen mit der super-duper neuen Erfindung des Einhandkondoms – das zwar schon seit mindestens zwei Jahren im Handel ist (aber wer fragt schon nach Details) und das man übrigens mit zwei Händen viel bequemer, aber immer noch umständlicher als ein Pronto-Kondom bedienen kann (oder besser „sollte“, denn um das einhändig hinzukriegen, muss man schon eine Weile üben und eine hohe Frusttoleranz haben).
Dabei ist der Wingman nicht mal unbedingt als echtes Einhandkondom konzipiert – denn bevor man ihn, wie in diversen Werbevideos schön gezeigt, mit einer Hand überstreifen kann, muss man ihn erst mal aus der Siegelfolie rauskriegen, und das geht auch beim Wingman nur mit zwei Händen. Tja, Pech für alle wirklich einarmigen Kondomnutzer, die sich jetzt ziemlich verarscht vorkommen dürften.
Dabei gibt es Designideen für echte Einhandkondome schon länger als den Wingman – nur produzieren will sowas niemand. Einarmige haben eben keine Lobby.

Kondom-Müdigkeit?

Heute flatterte mir ein (undatierter) Artikel von Praxisvita in meine Mailbox, in dem Volker Mertens von der Deutschen AIDS-Stiftung mit den Worten zitiert wird:

Wir steuern auf eine neue Unbekümmertheit zu, in der die Menschen wieder häufiger ungeschützten Sex haben.

Der Herr Mertens ist ausweislich der Website der AIDS-Stiftung allerdings nicht, wie bei Praxisvita zu lesen, „der Sprecher“, sondern fungiert als „Leiter Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising“ – er ist also derjenige, der primär für’s Geldeinsammeln zuständig ist. Kleine Nuance, aber immerhin…

Im Allgemeinen sind sich alle Experten einig, dass die Zahl der Neuinfektionen zwar (leider) nicht sinkt, aber auch nicht steigt:

Die Zahl der HIV-Neuinfektionen hat sich von Spitzenwerten Mitte der 1980er Jahre bis Ende der 1990er Jahre deutlich verringert. Von 2000 bis circa 2005 erfolgte wieder ein Anstieg der HIV-Neuinfektionen, mit einer Plateaubildung ab 2006.

… zitiert die Münchner AIDS-Hilfe das Robert-Koch-Institut. Die rhetorische Frage in der Überschrift des Praxisvia-Artikels „Sind wir alle Kondom-müde?“ kann man also getrost verneinen. Im Gegenteil, möchte man aus der Perspektive eines Kondomhändlers hinzufügen, werden Jahr für Jahr immer mehr Kondome gekauft; dies lässt sich auch in globalem Maßstab an der jährlich steigenden Kondomproduktion deutlich feststellen.
Nichtsdestotrotz freue ich mich über jeden Artikel, der pro-Kondom geschrieben ist, auch wenn mir dieser Beitrag bei Praxisvita irgendwie ein Geschmäckle hat. Man kann auch Kondome promoten, ohne immer AIDS zu rufen; ich glaube, wir sind eher der gebetsmühlenartigen AIDS-Warnungen überdrüssig als „kondom-müde“, denn Kondome können mittlerweile weit mehr als nur schützen. Davon zeugen die vielen Formen, Farben, Aromen und Extras, mit denen aktuelle Kondommarken sich schmücken.
Angstwerbung funktioniert eben irgendwann nicht mehr.

Schmiermittel? Brechmittel!

Wenn ich nicht schon genug graue Haare hätte, würde ich mir gerne noch welche wachsen lassen – angesichts solcher journalistischen Feinarbeit:

Traditionell wurde bei der Produktion von Kondomen die Zugabe von Casein, ein Protein aus Tiermilch verwendet, das als Schmiermittel wirkt.

Hier weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll… bei der Grammatik vielleicht?
-> richtig grammatisch korrekt wäre „von Casein, einem Protein aus Tiermilch, verwendet“
… oder bei der Semantik?
-> Entweder gibt man etwas zu, oder es wird verwendet.
… oder bei seltsamen Ausdrücken wie „Tiermilch“?
-> Im Normalfall bezeichnet man Kaseine allgemein als Milchproteine, konkret handelt es sich um Kuhmilch.
… oder bei Begriffen aus der falschen Branche, wie „Schmiermittel“?
-> Das, was man herstellerseitig auf Kondome drauf“schmiert“, nenn man Gleitmittel oder schlicht „Beschichtung“.

Egal. Absehen davon ist die Information schlicht falsch und irreführend. Viele Hersteller verwenden in der Tat noch Kaseine, aber diese werden nicht zugegeben (dann müssten sie auch deklariert werden), sondern nur – neben vielen anderen Dingen – als Hilfsstoff verwendet (sind also im fertigen Kondom höchstens noch als unausgefilterter Restbestand in mikroskopischer Menge enthalten), und Kasein dient auch nicht als Schmiermittel, sondern ist ein Hilfsstoff, um aus dem zähflüssigen Saft des Gummibaums (Latex) ein elastisches, dünnes Material (Gummi) herzustellen, aus dem man dann (unter anderem) Kondome machen kann. Oder Luftballons. Oder Handschuhe….

Kondome, bei deren Herstellung auf Kaseine verzichtet wird, gibt es auch, aber nicht viele. Aber hej, wer fragt schon nach korrekten Informationen, wenn man so unausgegorenen Quatsch zusammen mit einem Symbolfoto als Aufhänger für kistenweise Werbeanzeigen verwenden kann. Ach so, die Quelle: Yahoo! Finance, eine Hochburg des Qualitätsjournalismus.

Traditionell wird bei der Produktion von solchen Meldungen eine übergroße Portion Halbwissen eingesetzt, das bei mir als Brechmittel wirkt.

Social Sex

Daumen runterWillkommen in der Welt der Wissenschaft (oder so). „Der Kondom-Hersteller Durex gibt überraschende Studien-Ergebnisse bekannt: Demnach überprüfen gut fünf Prozent der Smartphone-User während des Liebesspiels Facebook, zwölf Prozent telefonieren“, meldete gestern der FOCUS und bot damit wiedermal ein typisches Beispiel für den investigativen Journalismus, den dieses Blättle auszeichnet.
Ungeachtet der Tatsachen, dass Durex kein Kondom-Hersteller ist (Durex ist eine Marke, Hersteller wäre Reckitt-Benckiser als Markeneigentümer) und das Ganze natürlich auch keine Studie (und mal ganz außen vor gelassen, dass der Einzige, der Facebook „überprüfen“ könnte, der Bundesdatenschutzbeauftragte wäre), und wird zumindest mal eine Quelle für diese (schlampig übersetzte) Meldung angegeben – nämlich CNET, wo die Studie schon zu einer Umfrage geschrumpft ist und als Quelle lediglich auf eine Pressemeldung von Durex verwiesen wird, die (wörtlich!) in mehr als 40 „Nachrichten“-Portalen wiedergekäut wird (Stand gestern abend; heute werden es noch mehr sein).
Weder bei Durex selbst noch beim benannten Umfragedurchführer OnePoll finden sich jedoch Hinweise auf diese Umfrage, so dass wir weder wissen, wieviele Leute befragt wurden noch wann das Ganze stattfand. Hmnja. Mehr als

A recent poll for Durex (OnePoll) on the UK’s sex life revealed shocking statistics including 12% of people had answered a phone during sex, one in ten had read a text and over 5% of respondents had even checked Facebook while making love.

ist nirgendwo zu finden.
Was sagt uns das also? Wiedermal eine typische Luftnummer; billige Effekthascherei. Offenbar wird bei Durex das Geld für richtiges Marketing langsam knapp…